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Taunus Zeitung vom 09.04.2003

Das Erlebte in Bilder fassen

Von Christine Schöning

Oberursel. Was macht eigentlich ein Kunsttherapeut? "Er ist die Brücke zwischen Klient und Gesellschaft", sagt Kunsttherapeut Andreas Hett, der seit fünf Jahren mit Senioren auf der Pflegestation der Stadtresidenz arbeitet. Wie weit das Spektrum der Kunsttherapie reicht, das wollten die Professoren für Kunsttherapie, Eberhard Nölke und Marylin Willis, nun mit einem Buchprojekt zeigen. Sie wandten sich an ehemalige Studenten und baten sie, einen Aufsatz mit Fallbeispielen über ihr Arbeitsgebiet zu verfassen.
Es entstanden Beiträge über die Arbeit mit traumatisierten Bürgerkriegsflüchtlingen, Kindern im Frauenhaus, mit Psychiatriepatienten und im Jugendstrafvollzug. Auch Andreas Hett und seine Seniorenarbeit finden sich in dem Buch "Klientenzentrierte Kunsttherapie" wieder. Rund 45 Bilder und Objekte, die im Buch abgebildet sind,konnte Hett für eine Ausstellung in die Räume der Stadtresidenz holen. "Ich finde, diese besonderen Projekte sind schon eine Ausstellung wert, und da alle Autoren aus dem Rhein-Main-Gebiet stammen, ließ es sich
auch organisieren", so der 38-Jährige.

 Mit Knethunden und -apfelbäumen sowie der
 symbolischen Wiese stellt Sylvia Enzmann
 verlorene Freiheit dar.  Foto: Reichwein

Das Besondere ist jedoch, dass Besucher nicht nur die Chance haben, die völlig verschiedenen Arbeiten zu betrachten, sie können auch gleichzeitig in dem Buch schmökern und so mehr Hintergrundwissen über die Geschichte der Künstler und der Projekte erfahren.

"Eines gemeinsam haben alle Klienten", weiß Andreas Hett, "ob sie nun im Altersheim oder im Jugendknast leben. Sie müssen sich in einer neuen, manchmal fremdbestimmten Welt, wie im Strafvollzug, zurechtfinden. Und die Kunsttherapie ist das Medium, das ihnen dabei hilft."

Sylvia Enzmann, die in der Stadtresidenz lebt, ist eine der Künstlerinnen. Ihre Fantasielandschaft ist eine Erinnerung an die frühere Heimat. "Angefangen hat alles mit einem Hund, den sie aus Ton modellierte", erinnert sich der Kunsttherapeut. "Plötzlich fing sie an zu erzählen, über das Gut, auf dem sie aufgewachsen ist." Zu dem Hund gesellte sich schnell ein zweiter, Sylvia Enzmann knetete Apfelbäume, ein Stück Stoff symbolisiert die weiten Wiesen und die Freiheit, die sie damals genossen hat und die sie vermisst.

Traumatischer sind die Erinnerungen von Ann, die aus Liberia stammt. Aber auch sie versucht, Geschehnisse zu verarbeiten, die sie beschäftigen. Mit grüner Ölkreide hat sie gezeichnet, wie ein Mann erschossen und verbrannt wird, während fünf andere um ihn herumstehen.

Die Entwicklung eines Jungen, der mit seiner Mutter im Frauenhaus lebt, dokumentiert die Bildersammlung, die im Untergeschoss ausgestellt ist. Während das erste, ein Krakelbild namens "Der Sturm" das Durcheinander widerspiegelt, zeigen die folgenden, wie langsam Freundschaften entstehen.

Wie ein "Baum mit Raben" fühlt sich dagegen einer der Psychiatriepatienten. Wie der Titel schon sagt, hat er einen großen Baum mit kahlen Ästen gemalt, um den viele schwarze Raben kreisen. "Er will den Halt eines Baumes, aber ihn umgeben noch dunkle Gedanken", vermutet Andreas Hett. "Durch ihre Bilder teilen uns Klienten Dinge mit, die ein anderer niemals erfährt."

Die Ausstellung in der Stadtresidenz, Aumühlenstraße 1 a, läuft voraussichtlich noch bis Donnerstag, 17. April, und kann täglich in der Zeit von 8 bis 20 Uhr besucht werden.

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